Im Gespräch mit Historikerinnen

Am 15. September empfingen wir in Treyvaux drei Historikerinnen der Unabhängigen Expertenkommission (UEK), die den Auftrag hat, die Geschichte der administrativen Versorgungen in der Schweiz bis 1981 zu untersuchen.

Wir waren rund zwanzig Mitglieder der Gruppe «Geschichte erforschen für die Zukunft der Kinder», die sich auf diese Begegnung vorbereitet und sich mit dem seit Februar laufenden Forschungsprogramm der UEK vertraut gemacht hatte. Die UEK muss die Gesetze jener Zeit und deren Anwendung prüfen, denn sie haben zahlreichen Kindern und Erwachsenen grosses Leid zugefügt. Ein Teil jener Opfer ist noch am Leben. Lesen Sie weiter...

Ebenfalls am 15. September nahm der Ständerat ein Gesetz an, das ehemaligen Verdingkindern und weiteren Opfern von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen (bis 1981) einen Wiedergutmachungs-beitrag gewährt. Das Gesetz wird am 1.April 2017 in Kraft treten. Eines unserer Mitglieder verfolgte die vorausgehende Debatte im Ständerat. Besonders erwähnenswert schien uns das Argument: „Auch heute noch werden die Armen durch die Vorenthaltung der Rechte besonders gefährdet. Das Gesetz, über das wir entscheiden, soll uns daran erinnern.“

Mehrere Mitglieder unserer Arbeitsgruppe waren selber Opfer von Zwangsmassnahmen. Andere befragen heute ihre berufliche Praxis angesichts von Fremdplatzierungen, die von einer Generation zur andern weitergehen.

Ein sehr bewegendes gefilmtes Interview mit einem armutserfahrenen Mitglied sowie Plakate zu einigen Forschungsbereichen hoben wichtige Aspekte hervor. In die Mitte traf auch die Frage einer betroffenen Frau: „Was für eine gemeinsame Geschichte verbindet diese je einmaligen Geschichten?“ Wir betonten, dass die Forschung auch den Eltern der damals fremdplatzierten Kinder und Jugendlichen Aufmerksamkeit schenken soll. Die Armut der Familie soll auch als Ursache und nicht nur als Folge der Heimeinweisung genannt werden.

Unsere Gäste Anne-Françoise Praz, Loretta Seglias und Joséphine Métraux zeigten uns, wie viel Aufmerksamkeit sie den Quellen schenken, um die Widerstandskraft der betroffenen Kinder zu erkennen. Zeugnisse davon finden sie besonders in deren Briefen, die oft von der Heimleitung zurückbehalten statt abgeschickt wurden. Sie sagten uns: „ Nach diesem Austausch werden wir die Etiketten, auf die wir in den Berichten stossen, noch kritischer hinterfragen… Es gehört zu unserer Aufgabe, mit andern ins Gespräch zu kommen und Informationen zu sammeln, so wie wir es hier über die Armut tun…und immer wieder von unserer Arbeit zu berichten…“
Nach diesem Treffen konnten zwei Mitglieder unserer Gruppe am 24. Oktober an einem Austausch in Bern über die Ziele und die verschiedenen Vorhaben zur Verbreitung der wissenschaftlichen Ergebnisse der UEK teilnehmen.

Caroline Petitat

Lesen Sie auch die Berichte auf der Webseite der UEK Administrative Versorgungen:

- Opens external link in new windowüber das Treffen vom 15. September in Treyvaux

- Opens external link in new windowüber den Austausch vom 24. Oktober in in Bern


Die Schweiz arbeitet heute die Geschichte der administrativen Versorgung und anderer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen auf. Das Unrecht, das so vielen armen Familien angetan worden ist, wird endlich anerkannt. Diese Chance wollen wir ergreifen.

Im Anschluss an die Gedenkfeier vom 11. April 2013 in Bern, hat sich innerhalb von ATD Vierte Welt eine Gruppe gebildet, die drei Ziele verfolgt:

  • Armutsbetroffene Menschen, die ihre eigene Geschichte und die ihrer Familie und der Armen in unserem Land zu verstehen suchen, unterstützen und begleiten
  • Bei der Aufarbeitung der Geschichte die Perspektive armutsbetroffener Familien von gestern und heute einbringen
  • Der Geschichte unserer Bewegung nachgehen und diese in der Geschichte des kollektiven Widerstands gegen Armut und Ausgrenzung in unserem Land situieren

 

Hier finden Sie eineOpens internal link in current window Liste von Publikationen, welche den Mut und den Widerstand armer Personen und Familien angesichts von Verachtung und fürsorgerischem Zwang dokumentieren und den gemeinsamen Kampf für das Recht als Familie in Würde zu leben.

Jeanpierre Beyeler, Umschlagbild des Buches "Schweizer ohne Namen. Die Heimatlosen von heute", Gouache, 22x26cm, 1984.

Armut und Moral

"Die Allerärmsten waren immer schlechte Arme. Die Menschheit hat sie im Laufe der Jahrhunderte immer wieder einer erblichen Unmoral bezichtigt. Dies ist aber nicht der wahre Grund. Sie waren und sind immer noch schlechte Arme, weil es unterhalb einer bestimmten  Armutsschwelle  nicht  möglich  ist,  nach  den  Anstandsnormen  der  Gemeinschaft, die einen umgibt, zu leben."

Joseph Wresinski, 1981