Kunst und Kultur auf der Spur

In Genf hat ATD Vierte Welt von September 2016 bis Mai 2017 eine Zusammenarbeit mit "La Marmite" * und dem Historiker Mathieu Menghini begonnen. Er hat dieses Projekt für Kunst, Kultur und Volk als eine Art wandernde Volksuniversität entwickelt. Eine Gruppe von 15 Personen, bestehend aus Basismitgliedern und Mitarbeitenden von ATD Vierte Welt sowie Mediatoren, hat an diesem Kunst- und Bildungsweg teilgenommen. Auf dem Programm standen ein Besuch im Theater, im Kino und im Museum sowie ein Gespräch mit einem Gelehrten. Der rote Faden dabei war "Ungerechtigkeit". Laurence Pilet, eine Teilnehmerin, berichtet hier von ihrer Erfahrung.

An einem Treffen von ATD Vierte Welt Genf hatte ich von diesem Projekt gehört. Man stellte uns Mathieu Menghini vor, der etwas Kulturelles machen und mit der Kunst herumziehen wollte. Das Herumziehen sprach mich an, denn zu jener Zeit lebte ich ein Zigeunerleben. Auch das Künstlerische reizte mich. Das kannte ich nicht und deshalb zog es mich an.

Ohne diesen Ansporn durch "La Marmite" (deutsch: der Kochtopf!) wäre ich nie ins Theater gegangen. Ich weiss nicht warum, aber in meinem Kopf war die Idee, das sei nichts für mich. Ich dachte an die gut gekleideten Leute, an das Theaterbillet, das zu kaufen mir kompliziert erschien, und an den Preis, und da war halt die Idee, dass das Theater für eine gewisse Kategorie von Leuten sei. Mit der Gruppe von "La Marmite" also gingen wir das Stück "La boucherie de Job" (von Fausto Paravidino) sehen. Ich war betroffen von dieser Darstellung des menschlichen Lebens. Seinem Gewissen folgen und das Gute wählen, ist das ein Luxus, den sich nur Leute leisten können, die einen vollen Bauch und ein Dach über dem Kopf haben? Während des Stücks hätte ich mich manchmal am liebsten verkrochen, ich mochte der Realität, die es zeigte, nicht ins Auge sehen.

Angeregt durch diesen Theaterbesuch bin ich letzthin selber ins Theater gegangen, allein. Das hatte ich noch nie gemacht. Ich sagte mir: Warum eigentlich nicht? Ich bin hingegangen. Ich bemerkte, dass sich dort alle kannten, und ich kannte niemanden. Aber ich werde es wieder tun!

Dank "La Marmite" habe ich auch einen Schwarz-Weiss-Film gesehen, "Der letzte Mann". Das hätte ich sonst nie gemacht, für einen Schwarz-Weiss-Film ins Kino gehen! Ich bin bis zum Schluss geblieben, denn wir waren als Gruppe dort. Allein ist es nicht dasselbe.

In unserer Gruppe hatten wir nachher einen richtig guten Austausch. Wir haben uns schnell verstanden mit den Mediatoren und den neuen Mitgliedern. Ich habe mich sofort frei gefühlt, etwas zu sagen. Es ist auch wichtig, dass wir uns in unserem Haus (dem Joseph-Wresinski-Haus von ATD Vierte Welt Genf) treffen und hier auch zusammen essen, bevor wir ausgehen. So haben wir in der Gruppe schnell einen guten Zusammenhalt gefunden.

Uns mit Maurizio Lazarato, einem italienischen Soziologen und Philosophen, zu unterhalten, war für uns nicht selbstverständlich. Da will man ja von wichtigen Dingen reden, nicht nur vom Wetter. Aber dass er zu uns gekommen und unser Gast war und auch, dass wir zuerst eine Vorstellungsrunde machten, das alles hat viel zum Austausch beigetragen.

Eine Zeitlang musste ich diesem künstlerischen Unterwegssein fernbleiben. Ich hatte Gesundheitsprobleme. Aber als ich wieder teilnehmen konnte, spürte ich keine Vorwürfe und ich machte dann bis zum Schluss mit.

Für mich bleibt "La Marmite" eine schöne Erfahrung: Alles miteinander tun von A bis Z. Ins Theater und ins Kino gehen und, vor allem, miteinander austauschen. Das war wichtig, noch wichtiger als das Thema der Ungerechtig-keit, um das es uns ja ging. Ja, wir fühlten uns wohl in dieser "Marmite" unserem "Kochtopf"!

Laurence Pilet, aufgeschrieben von Cathy Low

Ich erinnere mich

Ich erinnere mich, als ich zur Komödie von Genf ging, nahm ich das Tram und stieg eine Station zu früh aus.
Ich erinnere mich, dass ich die Passanten anhielt und fragte, wo die Statuen seien. Ich hatte Angst den Weg zu verfehlen und zu spät zu kommen.
Ich erinnere mich, dass ich nachher zu Fuss mit zu Aurores Wohnung ging, zusammen mit Marie-Thérèse, die schnell ging und Aurore (Teilnehmerinnen von "La Marmite"), die sagte, es sei gut, gemächlich zu gehen.
Ich erinnere mich an das viele Gemüse, das wir schnitten und wieviel wir zusammen gelacht haben am Küchentisch.
Ich erinnere mich an das freie und ansteckende Lachen von Marie-Thérèse und an die Begeisterung, mit der sie einen immer empfängt.
Ich erinnere mich an die roten Fauteuils im Theater und an die Sandwiches in der Pause.
Ich erinnere mich, dass ich, als man mir das erste Mal von "La Marmite" erzählte, sofort mitmachen wollte aber Angst hatte, dass es nicht akzeptiert würde, da ich keine Genferin bin.

Laurence Pilet geschrieben in der Schreibwerkstätte dieses Kunstprojekts.

 

 

Kunstprojekt: Dort wo Ausgrenzung, Überlebenskampf und Hoffnung ist

Für dieses Projekt suchen wir noch:
Ausstellungsorte,  weitere Malorte und auch finanzielle Unterstützung (KONTAKT)

Projektbeschreibung mit Berichten von einem ähnlichen Projekt, das der Künstler, Urs Josef Kehl In Kanada durchgeführt hatte.
Folgende Bilder hat er dieses Jahr in der Schweiz gemalt.

In  Wirklichkeit ist es grau
Ich weiss nicht, woher es kommt, dass ich da plötzlich solche Farben nehme. Vieleicht, weil es einfach Leute dort drin hat. Da kann man das nicht grau lassen.

Beim Bahnhof, wo sich die Obdachlosen treffen.
Sie waren sehr nett zu mir, sie waren fast besorgt darum, dass mich niemand beim Malen stört.

Da bist du ziemlich gut aufgehoben.


Da wollte ich schon lange malen, wegen den Gefangenen und "Arbeitsfaulen", die diese Kanäle gegraben haben.
Immer wieder marschierte jemand auf der Strasse  zum weit entfernten Dorf. Ich wollte wissen, woher die Leute kommen und erreichte ein Durchgangszentrum für Asylbewerber.

Im Gespräch mit Urs erwähnte F. ein äteres Hochhaus mit von allerlei Sachen gefüllten Balkonen.
Zuerst stellte Urs seine Staffelei auf eine Brücke, wo er aber von der Polizei weggeschickt wurde. Er malte dann weiter am Fuss des Gebäudes. Mehrere Bewohner sind zu ihm gekommen, haben mit ihm gesprochen und ihm zu trinken gegeben.

"Was ich bei Urs phantastisch finde: Aus einem grauen Turm macht er einen Turm mit tausend Farben."

Verschiedene Leute aus der Gruppe haben ihre eigenen Malereien hervorgeholt und so ist eine ganze Ausstellung entstanden.


Das Projekt wurde unterstützt von: