„Es war wie ein Bildungsurlaub!“

Seit mehreren Jahren lädt ATD Vierte Welt ihre Mitglieder zu einem Sommerseminar ein. Dieses Jahr fand es vom 4.-10. Juli im Haus Neudorf in der Uckermark im Norden Deutschlands statt. Die rund dreissig Teilnehmenden kamen aus Deutschland, Luxemburg, Frankreich und der Schweiz.

Viele waren froh, eine Woche lang die Sorgen ihres schwierigen Alltags hinter sich zu lassen und alle schätzten es, sich mit andern auszutauschen, in gegenseitigem Respekt. Alle hatten günstige Reisemöglichkeiten gewählt. Aus der Schweiz fuhren wir mit dem Nachtzug nach Berlin und zurück ging es im Bus.

 In Neudorf füllten wir das Haus. Obwohl sich bis zu sieben Personen in ein Zimmer teilten, ging alles erstaunlich gut! Kerstin, eine Frau aus der Region, kochte für uns das Mittagessen, und abends übernahmen Seminarteilnehmende mit viel Einsatz und Können die Küche. Der grosse Aufenthaltsraum diente sowohl den Mahlzeiten als auch der gemeinsamen Themenarbeit am Vormittag und einer gestalterischen Werkstatt am Nachmittag.
Jeden Morgen lasen wir in zwei Sprachgruppen, auf Deutsch und Französisch, eine Geschichte vor. Sie gab immer wieder Anlass zum Gedankenaustausch und diente als Einstieg in das Thema dieser Woche: Kultur und Armut. Was verstehe ich unter Kultur?    (Weiter lesen)

Wir suchten alle ein Bild aus, mit dem wir den andern etwas dazu sagen konnten. In einem sogenannten „WorldCafé“ gingen wir der Kultur und ihren Hindernissen in verschiedenen Lebensbereichen nach. Ein andermal suchten wir einen Gegenstand, mit dem wir ausdrücken konnten, welche kulturellen Werte wir weitergeben möchten. An einem Morgen stellten einige ein Projekt der ATD-Gruppe ihrer Stadt vor. Am letzten Tag bepackten wir ein gezeichnetes Fahrrad mit den guten Anregungen, die wir aus dieser Woche mitnehmen wollten.

An den Nachmittagen konnte man unter fachkundiger Anleitung töpfern, an einer grossen Skulptur schnitzen, im Garten Beeren pflücken und auch das Abendessen kochen. Gabi aus der Schweiz zeigte, wie mit Fadengrafik und Papiergarn Blumen entstehen. Wer gut zu Fuss war, spazierte gerne zum nahen See. Jeden Tag machte eine Gruppe einen Ausflug. Marlies aus Naila sass oft bei den leerstehenden Landwirtschaftsgebäuden: „Ich habe mir vorgestellt, wie es dort zu Zeiten des Barons von Arnim und zur Zeit der DDR zugegangen ist. Vielen Dank an die Mitarbeiterinnen und Gäste aus dem Dorf, dass sie uns von ihrer Arbeit damals erzählt haben.“
Am letzten Abend konnten wir draussen grillieren und noch lange um das Feuer herum sitzen und Lieder in unseren verschiedenen Sprachen singen. Und dann war bereits Abreisetag.

Unsere Schweizergruppe konnte den Tag noch in Berlin verbringen, auf einer Rundfahrt auf der Spree und bei einem Besuch in der Gedächtniskirche.

Im Rückblick sagt Ursula, eine Frau aus Basel: „Ich ging gern spazieren. Aber für manche wäre der Ort wohl zu abgelegen. Ich fand es gut, mit Leuten von anderswo zusammenzusein. Der Austausch mit Leuten, die man nicht bereits kennt, bringt mehr, man kann sich anders einbringen. Die Geschichte vom Krug mit dem Sprung hat mir gefallen. Dank dem Wasser, das er verlor, konnten Blumen wachsen. Ja, auch aus dem nicht Perfekten kann etwas Schönes entstehen, aus dem Kaputten etwas Neues!“

Und Annette aus Naila schreibt: „Mir wurde bewusst: Wenn Kunst zur Kultur gehört, und das Wort „Kunst“ von „können“ kommt, dann ist „miteinander können“ auch eine Kunst und eine kulturelle Fähigkeit. Gerade weil das nicht immer gelingt, ist die Leistung umso mehr zu würdigen, die die Teilnehmenden insgesamt erbracht haben.“ Johanna Stadelmann

 Wir waren uns einig: Wir hatten eine gute Woche erlebt. Alle hatten aufeinander Rücksicht genommen und sich hilfsbereit gezeigt. Jemand meinte: „Bei ATD Vierte Welt ist man nicht nur gegen etwas, man ist auch für etwas: dafür, dass sich jede Person einbringen und mitreden kann. Und das haben wir diese Woche geübt.

Henryk, ein schweigsamer Mann aus Berlin, sagte: „Es war wie ein Bildungsurlaub. Ich fand es besonders schön, dass ich geistig gefordert wurde. Jeder Einzelne hat etwas beigetragen zu einem gemeinsamen Produkt.“ Und Gisela, ebenfalls aus Berlin, fügte an: „Wir haben miteinander geredet, Betroffene und Nicht-Betroffene. Das gibt Hoffnung.“

Volksuniversität Vierte Welt

Ausgrenzung und Armut erschweren, ja verhindern oft einen konstruktiven Dialog innerhalb der Familie, aber auch ausserhalb, sei es mit Arbeitskollegen und Nachbarn oder mit Lehrpersonen, Sozialarbeitenden und anderen Gesprächspartnern. An den Bildungstreffen "Volksuniversität Vierte Welt" üben sich armutsbetroffene Menschen und andere, auch Fachleute, im Gespräch miteinander: aufeinander hören, sich verständlich ausdrücken und einander Wertschätzung entgegen bringen. Ausgehend von der Lebenserfahrung der Teilnehmer, die von Armut und Erniedrigung am meisten gezeichnet sind, denken sie gemeinsam über aktuelle gesellschaftliche Fragen nach. Dies ist eine wichtige Grundlage für die Vertretung der Vierten Welt ind der Öffentlichkeit.

Es finden jährlich vier Bildungstage im schweizerischen Zentrum in Treyvaux (FR) statt, an denen jedesmal ungefähr 70 Personen teilnehmen. Rund 120 Mitglieder treffen sich jeweils zur Vorbereitung in Basel, Genf, Freiburg, Lausanne, La Chaux-de-Fonds und Zürich.

Für weitere Informationen:

Die nationale Strategie zur Bekämpfung von Armut und Ausgrenzung

An den Bildungstagen der Universität Vierte Welt, in Arbeitsgruppen und zusammen mit andern Organisationen arbeitet ATD Vierte Welt an der Planung und Auswertung der nationalen Strategie zur Armutsbekämpfung des Bundes mit.

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