Grosse Armut  behindert die Ausübung seiner Rechte

"In meinen Semesterferien in Treyvaux habe ich so wohl mehr über Gerechtigkeit und grundlegende Rechte gelernt, als während des Semesters an der Uni."

Vor siebzig Jahren wurde die Erklärung der Menschenrechte angenommen. Setzen wir uns dafür ein, dass diese Grundrechte für alle verwirklicht werden!
Dazu ruft uns der Welttag zur Überwindung der Armut am 17.Oktober 2018 auf. 

 

Es gilt, die Armutsbekämpfung in Verbindung mit der Gesamtheit der Menschenrechte in unserem Land umzusetzen. Stützen wir uns dabei auf eine stärkere Bekanntmachung und Umsetzung der UN-Richtlinien bezüglich Menschenrechte und umfassende Armut von 2012, welche „die Staaten verpflichtet, die Armut zu bekämpfen und alle Menschenrechte, sowohl die zivilen, politischen und wirtschaftlichen als auch die sozialen und kulturellen Rechte, für alle Menschen zu schützen.“
Zu diesem Anliegen gibt Informationen Vierte Welt Myriam Grütter, Juristin und Oberrichterin im Kanton Bern, hier das Wort: 

„Extreme Armut und Menschenrechte – von beidem hatte ich keine Ahnung, als ich vor vielen Jahren ein Praktikum bei ATD Vierte Welt in Treyvaux antrat.  Zuerst lernte ich hier etwas über die Armut. Damit hatte ich gerechnet. Dann lernte ich viel über Grund- und Menschenrechte. Das hatte ich weniger erwartet. Ich war eine junge Jus-Studentin und hatte im ersten Jahr Studium etwas über das Rechtssystem erfahren.

Vielleicht war mir sogar schon der Begriff der Grundrechte begegnet, das Recht auf persönliche Freiheit, auf Meinungsfreiheit, auf Familie usw. Es war aber alles noch sehr diffus und abstrakt. Mit den Familien der Vierten Welt hier ...

... gewannen die Begriffe an Kontur. Ich erfuhr vieles über die Lebenswirklichkeiten von Familien in grosser Armut. Und ich entdeckte, dass ihre ganz grundlegenden Rechte verletzt wurden. Die sozialen Grundrechte, natürlich, aber nicht nur.  Ich lernte, dass das Recht auf politische Teilnahme an einem Wohnsitz hängt – ohne Wohnung keine Adresse und kein Stimmmaterial.  Ich lernte, dass die ständigen Sorgen und die Unplanbarkeit des Lebens in grosser Armut die Menschen daran hindert, ihre Rechte wahrzunehmen. Ich lernte, dass die dauernde Missachtung von Armutsbetroffenen, ihre Unsichtbarkeit, ihre Wahrnehmung nur als „Problemfälle“, ihre Menschenwürde nicht achtet.  So erhielten die Grundrechte für mich eine Bedeutung: das Recht auf Freiheit, das Recht auf Familienleben, das Recht der Kinder auf Entwicklung...

An den Rechtsverletzungen wurde mir klar, was diese Rechte beinhalten.  In meinen Semesterferien in Treyvaux habe ich so wohl mehr über Gerechtigkeit und grundlegende Rechte gelernt, als während des Semesters an der Uni.  Ich habe damals verstanden, dass Menschen auch unter schwierigsten Bedingungen einen Beitrag an das Zusammenleben leisten. Dass sie einen Beitrag leisten wollen. Dass wir zusammen mit den Betroffenen hinschauen müssen, was krumm läuft. Und dass dies auch ein Beitrag an die Entwicklung unseres Rechtsstaates ist.“ 
Myriam Grütter


Ostern ist nicht Vergangenheit

Aus einer Predigt von Markus Widmer:

"(...) Ich habe kürzlich die Lebensgeschichte von Nelly Schenker, einer Frau gelesen, die nicht viel älter ist als ich, aber in der gleichen Gesellschaft wie ich ein ganz anderes Leben führen musste.(...)"

Initiates file downloadganze Predigt (PDF)

Staunen statt verurteilen

 Carole Maubert Stamm ist seit 28 Jahren aktives Mitglied von ATD Vierte Welt. Sie erzählt, wie mit Vertrauen, Beharrlichkeit und dauerhaftem Engagement die Mitwirkung aller gewonnen wird.

Nach einem Praktikum im Volontariat von ATD Vierte Welt im Jahr 1992 beschliesst sie, sich wieder in ihrem Beruf als Lehrerin und später als Psychologin für die Menschen in Armut einzusetzen.

Was haben Sie in diesem Praktikum vor allem gelernt?
Ich habe eine Familie kennengelernt, die im Wald lebte, Eltern und zwei Kinder im Alter von 4 Jahren und 18 Monaten. Der Vater war Alteisenhändler. Er liess das Feuer draussen brennen, um arbeiten zu können. Die Mutter kümmerte sich um die Kinder. Sie wohnten in einer kleinen Hütte, nur ein Bett stand für die beiden Kinder. Das andere Bett musste wegen Platzmangels jeden Abend wieder aufgestellt werden. Die Sozialarbeiterin stellte fest, dass das ältere Mädchen in der Schule oft fehlte und der Kleine einen Bewegungsrückstand hatte. Sie schloss daraus, dass die Eltern weder die schulische noch die allgemeine Entwicklung ihrer Kinder genügend unterstützten. Die Mutter sah ihr Leben anders: Zugang zum Wasser hatte sie nur zeitweise über den Hydranten der Feuerwehr. Waschen konnte sie deshalb nur gelegentlich, aber sie wollte ihr Kind sauber zur Schule schicken, es sollte nicht ausgelacht und verstossen werden. Kein Wasser, keine Schule!   (... weiter lesen)

Den Kleinen hielt sie stets im Arm aus Angst vor den Gefahren rund um das Haus. Heisst das, keine Anregungen geben oder Schutz? Je nachdem sehen die Fakten anders aus.

Ich war 20 Jahre alt damals und lernte, dass es die Realität nicht gibt, denn sie hängt von unseren Sichtweisen und Filtern ab. Um eine Situation so gut wie möglich zu verstehen, müssen wir unterschiedliche Ansichten kennen, eine einzige Sicht schafft noch kein Recht. Um solche Familien verstehen zu lernen, muss man Verbindung herstellen und Vertrauen schaffen. Ohne Vertrauen öffnet sich niemand, gesteht niemand seine Schwächen ein und auch nicht seine Stärken, aus Angst vor Vorwürfen, schlimmen Folgen oder Beschämung.

Welche Lehren haben Sie aus Ihren Jahren mit ATD Vierte Welt gezogen?

Mit einem Schatz an Aussagen und Überlegungen armutsbetroffener Familien bemühe ich mich, sie im Alltag in respektvolles Handeln umzusetzen. Was schnell gedacht und dargelegt ist und klar zu sein scheint – und oft einer guten Absicht der mit der Problemlösung Beauftragten entspringt – kann von den betroffenen Familien schnell als unfaire und grobe Einmischung empfunden werden. Sich um eine wohlwollende, nicht verurteilende Sicht zu bemühen, verlangt unablässige Wachsamkeit. Demut gehört auch dazu.

Wie kann man Verbundenheit schaffen, über Worte hinaus?

Die Mitwirkung eines jeden lässt sich nicht vorschreiben, sie muss gepflegt werden. Um das Schweigen und die Misserfolge, die von einer hilfesuchenden Familie und einem Netz von Berufsleuten oft erlebt werden, zu überwinden, braucht es Zeit. Man muss verstehen, wo die Familie ansetzen kann, um weiterzugehen. Das Staunen pflegen Um in der Lage zu sein, die Mitwirkung aller zu vergrössern, pflege ich das Staunen. Es ist ein Weg der Ausdauer, der Präsenz und vor allem der Hoffnung: Daran glauben, dass jeder Mensch – und gerade auch der Mensch in grosser Armut – fähig ist, sein Leben zu gestalten. Die Zeiten des Austauschs mit den verschiedenen Mitgliedern von ATD Vierte Welt helfen, uns gemeinsam weiterzubilden und unsere Sicht zu erweitern. In dieser « Mensch-heitswerkstätte » für Gleichheit in der Gesellschaft mitzuwirken, ist ein Privileg. Carole Maubert, Natacha Rostetsky


Ich war 20 Jahre alt damals und lernte,
dass es die Realität nicht gibt,
denn sie hängt von unseren Sichtweisen und Filtern ab.


Die Bekämpfung der Armut geht alle an, jeden Tag

Da wo Sie leben, können Sie Armut und Ausgrenzung bekämpfen

Sie können in Ihrem Umfeld tätig werden

  • mit einer Spende oder in dem Sie das Volontariat mit der regelmässigen Einzahlung eines "Lohnstipendiums".
  • indem Sie pro Woche oder Monat ein paar Stunden lang bei einer Aktion mitmachen. Die Strassenbibliotheken in Basel und Genf, die Volksuniversität Vierte Welt in Treyvaux, die Tapori-Gruppen und Wochenenden, die Jugend-Workcamps brauchen ihren Einsatz.
  • durch die Mithilfe bei Sekretariatsarbeiten an einem der Standorte von ATD Vierte Welt: Textverarbeitung, Übersetzungen, Einordnen von Dokumenten, Verwaltung.
  • durch die Entwicklung der Interessensvertretung, der Mittelbeschaffung, die Kommunikation, die Verbreitung der Publikationen.

Unterstützen sie die Arbeit von ATD Vierte Welt

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  • durch die Mithilfe bei Sekretariatsarbeiten an einem der Standorte von ATD Vierte Welt: Textverarbeitung, Übersetzungen, Einordnen von Dokumenten, Verwaltung.
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Informieren Sie Sich

  • in dem Sie die Gratis-Zeitschrift Informationen Vierte Welt (erscheint 4 mal jährlich) - Bestell-Formular

  • in dem Sie an einem Informations-Tag teil nehmen

  • in dem Sie einen Informationsaben oder einen Vortrag organisieren, zusammen mit Mitgliedern von ATD Vierte Welt, in Ihrer Stadt, Ihrem Dorf, Ihrem Quartier, Ihrer Schule, Ihrer Universität, Ihrer Kirche, Ihren Vereinen und Vereinigungen, Ihrem Freundeskreis, usw.

  • in dem Sie mit uns Kontakt aufnehmen

Üben Sie Ihre Verantwortung als engagierten Bürger, als engagierte Bürgerin aus

  • Unterstützen Sie die Anliegen der am meisten benachteiligten Menschen in Ihrer Gemeinde und Ihrem Kanton. Nehmen Sie Teil an politischen Diskussionen und setzen Sie Sich bei den Behörden und den von Ihnen gewählten Politiker dafür ein, dass die Rechte Aller anerkannt und verteidigt werden.
  • Sorgen Sie dafür, dass diese Menschen in den lokalen Vereinen und Gemeinschaften Aufnahme finden. Verschaffen Sie ihnen eine Mitsprachemöglichkeit. Machen Sie Sich mit ihren Ansichten vertraut, und setzen sie sich dafür ein, dass diese auch andernorts wahrgenommen und respektiert werden.
  • Wehren Sie sich bei Ihrer Tätigkeit in Beruf, Gewerkschaft und Vereinen für die am meisten benachteiligten Arbeitnehmer/innen. Verhindern Sie ihre Entlassung, verteidigen Sie ihre Rechte und helfen Sie ihnen bei ihrem Bemühen, berufliche Bildung und Qualifikation zu erlangen.
  • Unterstützen Sie die Anstrengungen der Kinder, ihrer Eltern und Lehrer, damit die Schule für alle da ist. Förden Sie die Aufgeschlossenheit Ihrer Kinder für Benachteiligte. Machen Sie Tapori bekannt.
  • Unterstützen Sie in Ihrer Nachbarschaft die benachteiligten Personen und Familien. Bezeugen Sie ihre Anstrengungen, ihren Mut und ihre Hoffnung in einem Brief an ATD Vierte Welt.
  • Machen Sie die Vorschläge des Wresinski-Berichtes für einen umfassenden Kampf gegen die Armut bekannt. Überlegen Sie gemeinsam mit andern, wie sie den Realitäten des Landes angepasst werden können.