Hinter der Armut den Menschen begegnen

Aurélia Isoz, Schweizerin und Mitglied des internationalen Volontariats von ATD Vierte Welt, beant-wortet unsere Fragen von Madrid aus, wo sie sich seit anderthalb Jahren mit armen Familien einsetzt.

Was bringt Ihnen das Volontariat für Ihr Leben?
Dieser Langzeiteinsatz an der Seite armer und ausgegrenzter Menschen lehrt mich vieles und lässt mich vieles hinterfragen. Ich werde mir meiner Privilegien bewusst und fühle mich stets in Bewegung. Ich kann in einem andern Land leben und werde in meiner Arbeit von einem internationalen ATD-Team unterstützt. Dank dem Volontariat habe ich das Glück, mich stets weiterbilden zu können.

Wie sind Sie in Madrid armen Familien begegnet?
Anfangs war da die Sprachbarriere. Wir unterhielten uns mit Händen und Füssen, mit einem Lächeln, einem Zeichen und mit unserer Gegenwart. Nebst der Sprache ging es auch darum, mit dem Land vertraut zu werden, mit seinen Regeln und Gesetzen, seinem Sozial- und Bildungswesen. Was mich bei ATD Vierte Welt immer wieder zum Staunen bringt,........(weiter lesen)

das ist die Erfahrung, als Ausländerin kaum in Madrid angekommen zu sein und schon in der Stube von Marina zu sitzen, einer Zigeunerin, die ATD seit ihren Anfängen in Madrid kennt. Sie und ihre Familie haben mir ohne Umschweife vertraut und ihre Türe geöffnet. Ich bin hier einer Armut begegnet, die ich so in der Schweiz nicht gekannt habe. Obdachlose Familien, ohne Einkünfte. Arbeit für die ganz Armen gibt es keine. Die Jugendlichen verbringen den ganzen Tag auf der Strasse oder im Bett. Die Erwachsenen suchen irgendwie Essen zu beschaffen, oft indem sie Alteisen verkaufen oder was immer sie auftreiben können.

Als ATD-Volontärin fühle ich mich hier privilegiert und weit weg von den Überlebenssorgen dieser Menschen. Wenn ich jemanden zur Volksuniversität einladen gehe und diese Person am selben Mittag nichts zu essen hat, dann sind wir nicht in der gleichen Lage. So ist es nicht immer leicht zu spüren, wie wir unsere Beziehung aufbauen und unser Anliegen, gemeinsam das Elend zu bekämpfen, teilen und Solidarität gestalten können. Bei meinen Begegnungen ist mir die Bedeutung der Familie als erstes und oft einziges soziales Auffangnetz aufgefallen. Dass ich selber schwanger war und eine Tochter zur Welt gebracht habe, das hat mich mehreren Eltern näher gebracht. Unsere bereits bestehende Beziehung ist gestärkt worden, weil uns die Erfahrungen als junge Mütter verbinden. Aurélia Isoz


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Unterwegs in der Deutschschweiz

Agnès Dumas und Urs Kehl, Mitglieder des Langzeitvolontariats von ATD Vierte Welt, sind auf ihrer Fahrt zu neuen Bekannten oder Basismitgliedern von Natacha Rostetsky begleitet worden.

Bahnhof Freiburg, 9. Mai. Ich steige in den Campingcar. An Bord sind Agnès Dumas und Urs Kehl. Seit Oktober 2016 besuchen sie an zwei, drei Tagen pro Woche verschiedene Personen in der Deutschschweiz. Mit ihnen gehen sie der Frage nach, was Armut heute bedeutet. Agnès nützt auch die Gelegenheit, Deutsch zu lernen. Und Urs hegt die Hoffnung, Bekannte aus Kindertagen, die damals auf die Seite geschoben wurden. wiederzufinden.

Unser erster Halt nach Freiburg ist Posieux, wo wir Fahrende besuchenWir hören, dass ihre Bungalow-Siedlung ausserhalb des Dorfes nun neue Betongebäude eines dortigen Unternehmens zum Nachbarn hat.

Nächster Halt: Solothurn. Hier haben Agnès und Urs ein Treffen abgemacht mit einem Mann ohne festen Wohnsitz, der auf Arbeits- und Wohnungssuche ist. Es ist bald Mittag, wir schlagen ihm vor, zusammen zu essen. Der Mann hilft uns, einen Parkplatz zu finden. An einem idylli-schen Platz am Fluss lassen wir uns nieder. Beim Essen reden wir von allerlei, von Alltäglichem und Besonderem, vom Glauben, von Hiroshima und wie es ihm geht. Ist er in seiner Suche einen Schritt vorangekommen? Möchte er etwas mit uns unternehmen? Ja, er möchte der Verwaltung telefonieren wegen seines Termins zur Wohnungsbesichtigung. Er selber hat keinen Kredit mehr auf seinem Apparat, er braucht einen Gratiszugang zu WiFi, um über Whatsapp zu telefonieren. Er hat aber Mühe, einen Stecker zu finden, wo er sein Telefon aufladen kann. Nun kann er unser Telefon benutzen. Nachdem dieser Schritt getan ist, trennen wir uns bald.

Die nächste Person können wir in einer Stunde treffen. Urs stellt nun seine Staffelei mit der Leinwand auf. Er findet den richtigen Platz wieder, um weiterzumalen. Weder zu sehr links noch zu sehr rechts der Wohnblöcke! Im Grunde genommen sind Staffelei und Leinwand ein wenig wie der Mensch: um alle seine Farben zu entfalten, braucht er sicheren Boden. Agnès, aufmerksam, ist nie weit weg, immer bereit, mit den Schaulustigen ein paar Worte zu wechseln. Oft sind es die Kinder, die neugierig näher kommen. Die Eltern folgen, wenn sie da sind. Einzelne Erwachsene kommen auch schauen. Manchmal gibt es ein Gespräch, manchmal nicht.

Es ist Zeit für das nächste Treffen. Der Mann wohnt nicht weit weg, aber es ist im Campingcar, wo wir zusammen Kaffee trinken, bei weit offener Tür. Unser Gefährt ist so etwas wie eine offene fahrende Stube. Agnès und Urs tauschen mit ihrem Besucher Neuigkeiten aus, hören ihm zu, ermutigen ihn und schon bald ist es Zeit zu gehen. Unser Weg endet heute bei der Autonomen Schule in Zürich, wo Asylsuchende, oft papierlose, Deutsch lernen können. Agnès hat sich entschieden, dort einen halben Tag pro Woche Deutsch zu lernen, zusammen mit ihnen, um ihnen und ihrer Realität, die so weit weg ist von unserem Alltag, näherzukommen. Man teilt sich ja nicht nur mit Worten mit. Täglich kommen neue Migranten dorthin, das Kommen und Gehen erschwert das Lernen, aber die Motivation ist da. Auch hier öffnet sich eine Tür zu Begegnung und Austausch.

Falls auch Sie einmal einen Tag lang solche Begegnungen miterleben möchten, dann melden Sie sich bei uns! Agnès und Urs werden Sie gerne einmal in ihrem Campingcar mitnehmen.

Interview

Wie sehen eure Tage aus?

Agnès: Immer wieder anders! Wir nehmen uns vor, einen Ort oder Personen zu besuchen. Oft lässt uns eine Mitteilung eines Mitglieds den einen oder andern Weg einschlagen. Manchmal findet ein Treffen statt, und manchmal bleibt es beim Suchen nach jemandem, um zu sehen wie es ihm geht oder weil man uns um einen Besuch gebeten hat.

Urs: Unser Ziel ist es, mit der Zeit einen festen Tag an einem bestimmten Ort zu haben. Mit einer regelmässigen Präsenz hoffen wir, neue Beziehungen aufbauen zu können.

Was ist das Ziel solcher Begegnungen?

Agnès: Wir begleiten die Personen auf ihrem Weg und in ihren Vorhaben, in dem, was sie heute tun können. Wir wollen nicht an ihrer Stelle handeln.

Natacha Rostetsky

Sich langfristig einsetzen an der Seite der Ärmsten

In der Geschichte haben sich immer wieder Frauen und Männer mobilisiert, um die grossen sozialen und politischen Ungerechtigkeiten zu bekämpfen. In den meisten Ländern hat dies zur Befreiung von Sklaverei und Apartheid, von der Folter und der Todesstrafe, vom Terror, der Inquisition oder dem Nationalsozialismus geführt. Heute scheint die Auslöschung der grossen Armut mehr als je zuvor das grosse Anliegen unserer Zeit.

Um dieser Herausforderung begegnen zu können, hat ATD Vierte Welt ein internationales Volontariat ins Leben gerufen, bestehend aus Frauen und Männern unterschiedlicher Herkunft, Nationalitäten, Kulturen und Glaubenshintergründen. Diese ständigen Volontäre und Volontärinnen engagieren sich langfristig an der Seite der Ärmsten, damit sich diese in der Gesellschaft voll beteiligen und darin Akteure der Veränderung werden können.

Die ständigen Volontäre und Volontärinnen leben mit einem geringen Einkommen, unabhängig von ihrer beruflichen Qualifikation, ihrer Verantwortung oder ihrer Erfahrung.

Zur Zeit sind es 380 Volontäre und Volontärinnen, ledig oder als Paar, mit unterschiedlichen Berufen und Ausbildungen, präsent in 28 Ländern. Sie arbeiten in einem Team und stehen zur Verfügung, um dorthin zu gehen, wo die Bewegung sie braucht. Sie übernehmen Pilotprojekte basierend auf den Bedürfnissen derjenigen Familien, die von grosser Armut am härtesten betroffen sind. Sie wirken in der Gesellschaft damit diese die Hoffnungen der am meisten benachteiligten realisiere. Sie bilden sich weiter und schreiben laufend auf, was sie vom Leben und den Zielen der am stärksten Ausgegrenzten mitbekommen. Dieses schriftliche Gedächtnis schafft die Erkenntnisse auf welcher die Aktion der Bewegung ATD Vierte Welt gründet.

Wie wird man ins Volontariat von ATD Vierte Welt aufgenommen?

Die Aufnahme ist nicht vom beruflichen Profil oder von der Eignung für eine bestimmten Arbeit abhängig, sondern vom Verlauf des persönlichen Engagements.

In der Schweiz sind die Kennenlern-Praktika das beste Mittel, um den Einsatz der ständigen Volontäre und Volontärinnen kennenzulernen und sich auf eine solche Lebensweise vorzubereiten. Alle Auskünfte dazu findet man beim Kontakt Treyvaux. Als Grundregel finden die ersten zwei Jahre des Einsatzes in Europa statt.

Das Volontariat unterstützen

Sie können das internationale Volontariat von ATD Vierte Welt unterstützen durch eine regelmässige Einzahlung eines "Lohnbeitrages". Das gibt Sicherheit für langfristige Projekte !!